Golf – Entspannung und Regeneration für die Psyche

von Dipl-Psych. Gabriele Berg

Golf, das ist der Duft von Heide und gemähter Wiese, das ist Lustwandeln in frischer Luft, Freude über den eigenen Erfolg und den der Freunde. Golf, das ist Liebe und tiefes Empfinden für die Schönheit unserer Welt.
(Unbekannt)

Auf zum Golfen ...

Vom Parkplatz kommend nähern wir uns dem Grün. Der Himmel ist leicht bewölkt, die Luft frisch und klar. In der Entfernung sehen wir die weiten, samtigen Ebenen, Bäume am Rande der Bahn. Ein leichter Wind lässt Blätter rascheln, und am Himmel ändern ein paar Wolken in gemächlichem Spiel ihre Form. Wir merken, dass dieser Anblick etwas mit uns macht: Der Körper beginnt sich zu entspannen. 15 Minuten auf der Runde – und die Gedanken sind leichter. Wir werden ruhiger, fühlen uns freier, unbeschwerter. Aufatmen.

Stress ade – Golf nimmt den Druck

Kein Wunder, dass die Atmosphäre dieser besonderen Sportart den Stresspegel sinken lässt: keine hektischen Bewegungsabläufe, kein aggressives Angreifen eines Gegners, keine krakeelenden Zuschauer – statt dessen Ruhe, frische Luft und ganz viel sattes Grün. Eine ähnlich entspannende Atmosphäre findet man ansonsten nur beim Joggen durch Wald und Wiese.

Und wir haben Entspannung dringend nötig. Nach einer Studie der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2016 fühlen sich mehr als 60 Prozent der Erwachsenen in Deutschland gestresst. Fast ein Viertel davon hat das Gefühl, dass das häufig der Fall ist. Wir leben heute in einem sozialen und beruflichen Umfeld, in dem ständige Erreichbarkeit, Dauerbelastung und Termindruck unsere täglichen Abläufe bestimmen. Nicht umsonst wird die Diagnose Burn-out immer häufiger gestellt, und immer mehr Menschen werden wegen psychischer Belastung krankgeschrieben.

Golf ist gut für die Psyche

Dass Golf spielen zum Entspannen beiträgt, wird auch durch die Ergebnisse eines Experiments einer Universität im niederländischen Leiden gestützt. Vor und nach einem stressigen Tag wurden die Probanden befragt, was sie am liebsten tun würden. Viele, die von der Arbeit erschöpft waren, entschieden sich für einen Spaziergang in der Natur. Der Rückschluss der Wissenschaftler: Instinktiv suchen wir nach dem, was wir am nötigsten brauchen. Auch Mediziner und Psychologen raten dazu, sich häufiger kleine Auszeiten im Grünen zu nehmen. Und genau das ist es, was wir beim Golf-Spielen finden: Aufenthalt in natürlicher Umgebung bei moderater körperlicher Belastung in geselliger Runde.

In diesem Zusammenhang gibt es auch Studien, die zeigen, dass speziell der Golfsport eine positive Wirkung auf die Psyche ausübt. Wobei das selbstverständlich für normale Golfrunden gilt, nicht für Wettkampfsituationen. Bei entsprechender Einstellung des Sportlers wirkt Golf-Spielen beruhigend und seelisch ausgleichend. Golf findet eben nicht auf einer eingezäunten Fläche statt wie beim Tennis oder im überdachten Schwimmbad oder im womöglich stickigen Fitnessstudio.

Vogelgezwitscher, das Rascheln der Blätter in den Bäumen, das Plätschern eines Flusses oder einfach nur Stille – oft reichen schon relativ kurze Zeitspannen aus, um zur Ruhe zu kommen und neue Energie zu tanken.1 Und so ist es beim Golfen. Sobald wir uns in der natürlichen Umgebung auf dem Golfplatz bewegen, stellen sich Körper und Seele wie bei einem Waldspaziergang nahezu automatisch um. Wir schalten runter, unsere Stimmung bessert sich und wir fühlen uns glücklicher, wenn Wald, Wiesen und Bäume die Augen beruhigen und Vogelgezwitscher unsere Ohren besänftigt.2

Warum beruhigt uns das Grün?

Den gößten Anteil an der Entspannung hat die Farbe Grün in der Umgebung. Dies deckt sich mit Erkenntnissen der Wissenschaft: Internationale Untersuchungen wie auch Erkenntnisse aus der Farbpsychologie legen nahe, dass unser Farbempfinden auf Erfahrungen und Denkstrukturen beruht und dabei von Instinkten geprägt ist. Diese sogenannten »Archetypen«, Urbilder menschlicher Vorstellungsmuster, sind demnach seit vielen Generationen in unserem kollektiven Unterbewusstsein verankert und entscheiden mit, wie wir denken und empfinden. Psychologisch wird mit dem Farbton Grün Leben, Natur, Zufriedenheit und Regeneration verbunden. In der Farbtherapie wird Grün auch bei Herzerkrankungen eingesetzt. Zudem hat die Farbe Grün positiven Einfluss auf emotionale Zustände wie Trauer, Wut und Liebeskummer.

Leslie Harrington, Executive Director der »Color Association of the United States« sagt, dass der Mensch eine angeborene Reaktion auf Farben besitze. Zum Beispiel erhöhe die Farbe Rot den Puls, schreie nach Aufmerksamkeit und signalisiere häufig Gefahr. Für Grün dagegen gebe es Hinweise, die zeigen, dass es erholsam wirkt, weil es mit dem Wachsen und der Natur verbunden ist.3 Es symbolisiert Sicherheit und Gesundheit. Betrachtet man einen Golfkurs, erschließt sich dieser Zusammenhang augenblicklich.

Heilung und Regeneration

Doch der Anblick von Naturlandschaft kann noch viel mehr, er hat auch Einfluss auf die Heilung und Regeneration. So konnte der Gesundheitswissenschaftler Roger Ulrich anhand klinisch erhobener Daten darlegen, dass sich der Anblick eines Baumes positiv auf die Heilung nach einer Operation auswirkt. Patienten, die nach einer Operation auf Bäume schauen konnten, benötigten nicht nur weniger Schmerzmittel, ihre Wunden verheilten auch schneller und ihre Krankenhausaufenthalte waren kürzer als die der Vergleichsprobanden.4 So unglaublich es zunächst klingen mag, eine natürliche Umgebung mit ihrer entspannten und entspannenden Atmosphäre gibt dem Körper die Möglichkeit, sich schneller zu regenerieren.

Ursachen für Entspannung in der Natur

Dass unser Organismus positiv auf Natur reagiert, ist unbestritten – was bleibt, ist die Frage nach der Ursache, der Begründung. Dass das Warum noch nicht hinreichend geklärt werden konnte, bestätigt auch Dr. Simon Bell, Professor an der estnischen Universität für Umweltwissenschaften, der die Auswirkungen der Natur auf die Gesundheit über viele Jahre erforscht hat. Er stellt fest: »Wir haben Hinweise, dass es uns entspannter macht, der Natur näher zu sein. Dies basiert auf physiologischen Faktoren, das heißt, Dingen, die wir messen können. Wir wissen also, dass es funktioniert, aber wir wissen noch nicht wirklich, wie.«5 Eine mögliche Erklärung nach Bell wäre, dass wir uns aus der Natur entwickelt haben und daher weder vom Organismus noch von der Psyche her so gut an das Leben in Städten angepasst sind, wie wir vielleicht denken. Das Golfen kommt somit unserem »natürlichen« Entwicklungszustand einfach näher.

Der klinische Aspekt: was in uns passiert

Dass die Natur, und damit auch die Umgebung auf einem Golfplatz nicht nur subjektiv empfundene positive Auswirkungen auf unsere Seele hat, sondern auch ganz objektiv unsere Gesundheit fördert, konnten zahlreiche Studien und Experimente belegen. Wir bilden es uns also nicht nur ein, dass uns ein Spaziergang oder ein Runde Golf guttun – es ist tatsächlich so.

Blutdruck, Puls, Muskelspannung

Objektives Messen von Blutdruck, Puls, Stresshormonen, Muskelspannung und Hautleitfähigkeit zeigen: Die Werte sinken beim Aufenthalt in der Natur. Wer also im Wald oder beim Golfspiel gemächlich unterwegs ist, dessen Herz schlägt messbar ruhiger und die Muskeln entspannen sich, denn schon zehn Minuten Naturbetrachtung lassen Blutdruck und Muskelspannung sinken. Die Konzentrationsfähigkeit steigt bereits nach zehn bis 20 Minuten in der Natur. Und das Stress-Empfinden wird schon nach fünf bis zehn Minuten in der Natur deutlich reduziert, denn Bewegung an sich baut bereits Stresshormone im Körper ab.8

Herzfrequenz

Dass der Anblick von Bäumen positive Auswirkungen auf den Organismus hat, wird durch eine weitere Studie9 belegt: Ein Drittel der Probanden, die an einem Schreibtisch schwierige Denkaufgaben lösten, konnten dabei durch ein Fenster auf eine Landschaft mit Bäumen und einem Springbrunnen schauen. Ein weiteres Drittel der Probandengruppe sah das gleiche auf einem HD-Plasmabildschirm als Echtzeitvideo statt durch ein Fenster. Und das dritte Drittel hatte weder Fenster noch Bildschirm mit Naturszenerie, hinter ihrem Monitor für die Testfragen war nur eine weiße Wand. Gemessen wurde hierbei die Herzfrequenz der Teilnehmer. In der ersten Minute nach den stressigen Tests ging die Herzfrequenz bei den Probanden, die aus dem Fenster schauen konnten, deutlich schneller zurück als bei den anderen beiden Gruppen. Und je häufiger die Probanden den Blick nach draußen lenkten, desto schneller sank ihre Herzfrequenz. Das spiegelt unser Empfinden wider, beim Golfen zur Ruhe zu kommen. Der Körper signalisiert dem Organismus durch physiologisches Feedback Entspannung.

Raus- und bei sich selbst ankommen

Heutzutage leben große Teile der modernen Gesellschaft weit entfernt von einem natürlichen Lebensumfeld. Viele Großstädter kommen über lange Zeit überhaupt nicht mehr mit natürlicher Umgebung in Kontakt. Das führt auch dazu, dass Menschen die Tendenz entwickeln, sich quasi separat von der Natur zu sehen und nicht als Teil davon. Offenkundig hat dies jedoch seinen Preis. Wie Bell es formuliert: »Manchmal ist es sehr wichtig für uns als Menschen, uns klein zu fühlen, uns als einen Teil von etwas viel Größerem als wir selbst und unser geschäftiges Leben zu fühlen.«6 In der Natur kommen wir zu einem gewissen Teil wieder etwas näher an eine frühere Lebensform unserer Evolution, als wir uns noch den größten Teil des Tages auf Wanderung befanden und uns mit der Nahrungsbeschaffung befassten.

Ein Waldspaziergang oder eine Golfrunde kann das verschobene Weltbild geraderücken und uns aus dem Alltag befreien. Denn es verhilft uns zu neuer Kraft und innerer Größe, uns in die Natur zu begeben, zum Beispiel unter Bäumen entlangzugehen und dabei auch zu fühlen, dass wir klein sind – ein kleiner Teil der unendlich großen Natur, die uns so viel Gutes gibt. Aber um etwas von der Natur zu bekommen, muss man eben auch mittendrin sein. Waren Sie diese Woche schon auf dem Golfplatz?

Also los, packen wir unser Golfbag – und dann ab ins Grüne!

1 Stigsdotter & Grahn 2004

2 Hartig et al. 1991, Nach: Institute for European Environmental Policy, The Health and Social Benefits of Nature and Biodiversity Protection, 2016

3 Elliot, A., How Color Affects Our Mood, Nach: Huffington Post, 11/27/2011, updated 5/28/2013

4 Roger Ulrich 1984

5 Nach: Institute for European Environmental Policy, The Health and Social Benefits of Nature and Biodiversity Protection, 2016

6 Nach: Institute for European Environmental Policy, The Health and Social Benefits of Nature and Biodiversity Protection, 2016

7 Hartig et al. 2003

8 S. Hull 1992; Cackowski/Nasar 2003

9 Kahn, Friedman, Gill, Hagman, Severson, Freier et al., A plasma display window? The shifting baseline problem in a technologically mediated natural world, 2008